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Magazine «60 parallel»

¹2 (25) June 2007

 
 
Viewpoint

Natascha Kraus
Anthroposophy is a cultural impulse of the future

Wenn man heute über die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft Rudolf Steiners sprechen möchte, etwa 100 Jahre nach ihrer Entstehung und dabei auf sie nicht nur aus der Perspektive der geschichtlichen Entstehung und Entwicklung blicken will, kann man im Grunde genommen nur über dasjenige sprechen, was man selber von ihr rezipiert, verinnerlicht, vermenschlicht und getan hat. Dass das so angesehen werden kann liegt in der Natur der Anthroposophie selber. Sie ist keine Ideologie, keine Lehre, Theorie, Philosophie oder gar Religion. Sie ist wie ihr Name schon sagt die Weisheit des Menschen. Aufgetreten in einer bedeutenden für die Kultur bahnbrechende Zeit, im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts und durch Rudolf Steiner inauguriert.

Der Anfang des 20. Jahrhunderts und auch schon das Ende des 19. Jahrhunderts brachte für die Kultur in all ihren führenden Zweigen grundlegende Veränderungen und Umwertungen. Alles was bis dahin eine Bedeutung hatte verlor an Gültigkeit, mit einem Bild ausgesprochen kann man vom „Durchstoßen der Wand“ sprechen. Gerade in der Kunst die der tragende Zweig der Kultur ist, ist dies am deutlichsten zu erleben und vor allem in drei ihrer Gattungen: Malerei, Musik und Dichtung. Es ist ein Suchen nach dem Wesen der Dinge, das hinter der sinnlichen Erscheinung liegt, nach dem Geistigen. Und es ist naheliegend dass gerade die Künstler, jeder auf seine Art und Weise versuchten mittels künstlerischer Intuition dasjenige was sie in Bezug zur geistigen Welt erlebten und erfassten, auszudrücken. In rasender Geschwindigkeit folgte ein Stil dem anderen und bald haben wir eine Situation, dass jeder nur noch sich selbst und seine eigene Richtung – die im Einklang mit seiner Weltauffassung ist – vertreten kann.

Auch die Wissenschaft –Ästhetik- die eigentlich die Aufgabe hat sich mit der Kunst zu beschäftigen, sie zu begreifen, und auch die Antworten auf die Fragen nach der Kunst zu geben, geriet in dieser Zeit ins Schleudern. Oder besser gesagt scheint es zu sein, dass diese wissenschaftliche Disziplin von Anfang an, von der Mitte des 18. Jahrhunderts eine Richtung angenommen hat, die, wie das spätere 20. Jahrhundert dann definitiv gezeigt hat, nur in die Sackgasse geführt hat. Alles was zu dieser Zeit im geistigen und kulturellen Leben Europas erschienen ist, sowohl in Mitteleuropa als auch in Russland, scheint aber nur im Rahmen des Subjektiven, Nationalen zu sein und auch nur partiell Antwort geben zu können auf die grundlegenden Fragen des menschlichen Seins, auf die Fragen nach der wahren Herkunft des Menschen, seiner Bestimmung und nach seinem Verhältnis der Welt gegenüber. Eine komplexe geisteswissenschaftlich begründete und für den gesunden Wahrheitssinn und unbefangene Logik annehmbaren Antwort auf diese Frage kommt zu dieser Zeit vielleicht einzig und allein aus der Anthroposophie Rudolf Steiners. Sie allein, vor allem aus der Mitte Europas, zeigt sich als fähig, in der Lage zu sein ein ganzheitliches Wissen zu vermitteln und damit die Grundlage für eine Kultur der Zukunft zu schaffen, eine geistige Kultur, eine Kultur des Menschen im Einklang mit dem Weltall.

Für uns alle als Zeitgenossen ist die Frage der Kultur eine der wichtigsten Fragen der Gegenwart. Wir sind alle Zeugen von Konflikten, die in der Gegenwart zwischen den verschiedenen Kulturen entstehen. Und durchaus kann man sagen, dass das Ergebnis dieses Konfliktes bestimmend sein wird für den weiteren Verlauf des Schicksals des Menschengeschlechts. Aus diesem Grunde ist jeder berufen und verantwortlich sich ernsthaft mit dem Problem auseinander zusetzen und sich zu besinnen und fragen, welches sind die Hauptwerte unserer Kultur und welche Richtung hat die fortschrittlichste europäische Kultur eingeschlagen?

Die Grundwerte der europäischen Kultur stammen aus der alten griechischen Kultur, die Wissenschaft, die Philosophie, die Literatur und alle anderen Richtungen haben ihren Anfang dort. Während sich die Entwicklung der griechischen Kultur vollzogen hat ereignete sich auf einem anderen geografischen Teil der Erde dasjenige was wir als das Leben des Christus auf der Erde kennen. Ein einmaliges Ereignis in der Geistgeschichte der Menschheit, wo ein hoher Geist für drei Jahre die leibliche Hülle eines Menschen bewohnte. Seit 2000 Jahren in verschiedenen Phasen und Etappen bestimmt dieses Ereignis die Kultur. Eine Synthese griechisch-römischen Kulturelementes und christlichen Elements ist der Grundstein dessen was wir unsere Kultur nennen. In der Zeit der italienischen Renaissance haben wir ein Beispiel wie sich diese Synthese zum Beispiel in der Malerei vollzogen hat (Leonardo, Michelangelo, Raphael). Etwas später finden wir in der Mitte Europas eine Steigerung dieses Ereignisses vor allem auf dem Felde der Philosophie (Fichte, Schelling, Hegel) und Dichtung (Goethe, Schiller, Novalis). Unter einem Namen kennen wir dies als Deutschen Idealismus. Wir haben da eine Erscheinung, dass nicht nur nach dem Wissen gestrebt wurde, nach dem Wissen welches die Antwort geben konnte nach den grundlegenden Daseinsfragen, sondern dass dieses Wissen auch lebendig wurde in den menschlichen Seelen, und tragend für das Leben. Diese Zeit brachte auch die Antwort auf die grundlegenden Fragen nach der Verbindung des menschlichen Ichs mit den ewigen Quellen des Daseins.

So kann man sagen, dass dann das mitteleuropäische Denken in seiner fortschrittlichsten, vollendetsten Form Fundament wurde, auf welchem Rudolf Steiner seine Anthroposophie gründete. Er führte den Weg konsequent im gleichen Geiste weiter, und schaffte dann eine Brücke, die in der Lage ist das Diesseits und Jenseits zu verbinden. Und zwar auf eine Art, die nicht nur das Wissen über die jenseitige Welt vermittelte, sondern – und das ist die einmalige kulturschaffende Tat – auch den Weg zeigte, den jeder einzelne Mensch beschreiten kann, um bewusst und selbständig geistige Erfahrungen machen zu können. Damit ist der modernen aber auch der zukünftigen Menschheit ein Erkenntnisweg gegeben, mittels welchem alle Erkenntnisgrenzen zerfallen und durch welchen auf eine neue Art und Weise die Beziehung zur göttlichen Welt bewusst aufgebaut werden kann, ohne sich dabei nur auf Glaubensinhalt zu beziehen, wie es bis dahin der Fall war. Damit ist die Synthese beider Elemente von denen die Rede war auf das Vollkommenste vollzogen, wo auch das christliche Element eine neue Stufe erreichte, so dass der Prozess der Leibwerdung des Wortes sich jetzt in entgegengesetzter Richtung vollziehen kann - Wortwerdung des Leibes.

Das ist der Weg und die Richtung, die die neuere europäische Kultur eingeschlagen hat, und sich dagegenzustellen, zu verneinen oder gleichgültig zu bleiben würde bedeuten im Dunkel zu bleiben, zu taumeln und von einer Einzelheit zur nächsten zu irren, ohne den Gesamtzusammenhang zu finden. Das ist die größte Aufgabe, die sich dann in dem gesamten Kulturleben der Menschheit vollziehen kann. Für jedes Individuum, für jedes Volk auf seine Art und Weise. Diejenigen Individualitäten, die das Leben in direkter oder indirekter Weise dazu geführt hat, mit diesem Impuls in Berührung zu kommen, haben das Bewusstsein über diese Zusammenhänge gehabt und geäußert, wie zum Beispiel der russische Schriftsteller Andrej Bely, der einmal sagte: “Die Anthroposophie ist Kultur, andere Definitionen der Kultur sind eine `contradicio in adjecto´...Die Anthroposophie ist die natürliche innere Schlussfolgerung aus den tragischen Jahren des russischen Lebens. Sie ist Bestimmung der russischen Zukunft in der neuen Kultur, in der Anthroposophie zeigen sich die sichtbaren Konturen dieser Kultur, die sich entwickeln kann.“

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